Mittwoch, 29. Oktober 2008

Menschenbild 4

Veränderungsoptimismus

Die Vielfältigkeit der Entwicklungsmöglichkeiten entspricht für Erickson der Individualität des Menschen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf frühere, vergangene Situationen und deren Unterschiede zur heutigen und leitet daraus die grundsätzliche Möglichkeit zur Veränderbarkeit von Lebensläufen ab.

Dabei bevorzugt Erickson die Erfahrung des Einzelnen gegenüber dem Deuten und der Einsicht. Diese Erfahrung bringt er durch praktisches Handeln zum Tragen und in der Trance durch erlebte Vorstellung. Außerdem wird der Veränderungsprozess häufig nicht vorweg genommen, sondern unter Nutzung der individuellen Möglichkeiten nur angestoßen. Erickson wollte Menschen nicht diktieren, wie sie zu leben haben: "Als wenn es jemanden gäbe, der irgend einem anderem wirklich vorschreiben könnte, wie er zu denken und zu fühlen hätte und wie in bestimmten Situationen zu reagieren hätte". Rosen zitiert Erickson wie folgt: "You should enjoy the process of waiting, the process of becoming what you are" (deutsch etwa: Genießen Sie doch den Prozess des Wartens. Genießen Sie es zu werden, was Sie sind). Das Ziel der Veränderung liegt darin, der Person zu mehr Übereinstimmung mit sich selbst zu verhelfen. Rosen zitiert Erickson weiter: "You see, we don't know what our goals are. We learn our goals only in the process of getting there" (deutsch etwa: Sehen Sie, wir kennen ja unsere Ziele nicht. Wir lernen doch unsere Ziele während wir uns ihnen nähern.).

Mir scheint dies dem Tao sehr nahe zu kommen. Unbenommen von dieser eher offenen Haltung, gibt es zahlreiche Beispiele direktiver Instruktionen (ganz genaue Anweisungen) durch Erickson, besonders dann, wenn er der Meinung war, dass der Klient entweder klare Orientierungshilfen bevorzugte oder dadurch am ehesten eigene Motivationquellen mobilisierte (paradoxe Intention). Grundsätzlich besteht die Veränderung darin, den Klienten aus seiner Starrheit zu befreien, so dass er wieder in der Lage ist, eigene Lösungen zu finden.

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Montag, 27. Oktober 2008

Menschenbild 3

Die Einzigartigkeit der Person
Die meisten Therapieformen versuchen allgemeingültige Gesetzlichkeiten über den Menschen und sein Funktionieren aufzustellen, um daraus therapeutisches Handeln abzuleiten. Der Klient wird Kategorien (z. B. Angst, Neurose, Depression) zugeordnet, die allgemeine Aussagen über den von dieser Störung betroffenen Menschen erlauben sollen.

Diese Typologien dienen der Verringerung von Vielfalt und dem wissenschaftlichen Ziel, allgemein gültiges und übertragbares Wissen zu finden und sich untereinander besser und schneller zu verständigen. In der Ericksonschen Form der Hypnotherapie findet dieses Prinzip beim direkten Umgang mit dem Klienten strikte Grenzen. Erickson hat wiederholt betont, dass therapeutische Kommunikation sich weder auf theoretische Verallgemeinerungen noch auf statistische Wahrscheinlichkeiten stützen sollte, sondern auf konkrete (Denk-, Fühl- und Verhaltens-) Muster, die den gegenwärtigen Selbstausdruck des Klienten (z.B. Überzeugungen, offenes Verhalten, Motivationen oder Symptome) auszeichnen. Es wird demgemäß der Akzent nicht auf die Ähnlichkeiten zwischen den Menschen, sondern die Unterschiede und die Besonderheiten eines jeden Einzelnen gelegt.

Hier wird deutlich, dass therapeutisches Handeln im Sinne von Erickson nicht aus wissenschaftlichen Prinzipien allein ableitbar ist, sondern darüber hinaus von der langen Erfahrung des Therapeuten in dem täglichen Umgang mit Menschen geprägt ist. Sie drückt sich in diesem auf die Persönlichkeit des einzelnen Klienten bezogenen therapeutischen Umgang mit ihm aus (siehe Utilisationsprinzip).

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Samstag, 25. Oktober 2008

Menschenbild 2

Das positive Menschenbild
Im Gegensatz zu den meisten anderen Psychotherapiemodellen, richtet Erickson seine Aufmerksamkeit in der Therapie nicht auf den Krankheitswert der Störungen, sondern auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten, die in der Störung liegen. Symptome werden, wenn irgend möglich, nicht als Schwächen oder Krankheiten betrachtet, sondern als einzigartige Besonderheiten, die in ihrem Ablauf und in ihrem Muster zu verändern sind. Auf diese Weise sind die verschiedenen Formen der Symptomverschreibungen entstanden.

Widerstand wird in ähnlicher Weise behandelt - als Eigenarten, die die Form der Vorgehensweisen mitbestimmen. Erickson geht davon aus, dass jeder Mensch einen kaum zu erschöpfenden Erfahrungsschatz hat, mit dem er anstehende Probleme bewältigen kann. Eine Störung ist dann häufig nur durch die Starrheit von Denk-, Gefühls- und Verhaltensmustern bedingt. Diese Starrheit gilt es in der Therapie auf zu lösen und wieder in neue Möglichkeiten zu verwandeln. Hierzu werden Hypnosen und Trancen genutzt.


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Donnerstag, 23. Oktober 2008

Menschenbild 1

Milton H. Ericksons Menschenbild (siehe auch frühere Posts)

Jede Therapieform beinhaltet explizit oder implizit ein Menschenbild. Es spiegelt sich in der Umgangsform des Therapeuten mit seinem Klienten wieder und beeinflusst die Wahl seiner therapeutischen Techniken.

Die Annahmen über den Menschen, die der Ericksonschen Hypnose zu Grunde liegen, unterscheiden sich wesentlich von denen der traditionellen Hypnose. Sie entstammen den Erfahrungen, die Erickson im Laufe seines Lebens gesammelt hat - unter anderem durch die Auseinandersetzung mit seinen eigenen zahlreichen Handicaps:

Erickson war von Kind an farbenblind, tontaub und Legastheniker. Im Alter von 17 Jahren
erkrankte er an Kinderlähmung, die er nur knapp überlebte. Um den Anforderungen des Alltags und der Schule gerecht zu werden, zeigte er einen besonderen Ehrgeiz und Einsatz und entwickelte ungewöhnliche Bewältigungsstrategien, sowie eine nicht alltägliche Sicht alltäglicher Erfahrungen.

Allerdings wird von heutigen "Ericksonianern" oft vergessen, dass Milton Erickson durchaus in mehr als 50% seiner therapeutischen Vorgehensweisen sehr traditionell und direktiv vorging - eben überall dort wo er dies für nützlicher hielt. Er hielt sich also selbst sehr streng an sein eigenes Nützlichkeitsprinzip (Utilisation).

Traditionelle und moderne Hypnose
Die traditionelle Auffassung der Hypnose geht von der Suggestibilität (die Fähigkeit des Menschen auf Einflüsterungen zu horchen, auch ohne dies bewusst zu bemerken, zum Beispiel durch Werbung) des Menschen aus:

einer allgemeinen Tendenz, Fremdsuggestionen in gleich lautende Autosuggestionen bzw.
entsprechende Vorstellungen umzusetzen. Das heißt, sofern der Rapport hinreichend ist,
übernimmt der Klient Anweisungen vom Therapeuten - unabhängig von eigenen
Lebenserfahrungen. Im Gegensatz zu dieser dem traditionellen Hypnoseverständnis
innewohnenden Fremdbestimmtheit der Intervention geht Ericksons Therapieauffassung
von einer selbstgesteuerten (autonomen) Veränderung des Klienten aus. Das drückt sich in der Anpassung an die Möglichkeiten des Klienten aus (Nützlichkeitsprinzip). Das heißt, das therapeutische Angebot orientiert sich an den Interessen, der Motivation, den Überzeugungen, dem Verhaltensrepertoir und dem sprachlichen Stil des Klienten. Auch das, was traditionell als Widerstand klassifiziert würde, wird von Erickson als grundsätzlich nützliche Eigenart akzeptiert.
Im Sinne dieser Auffassung wird häufig das Symptom nicht als etwas betrachtet, das zu eliminieren ist, sondern als Ausgangspunkt der Veränderung (bezüglich Dauer, Zeitpunkt, Frequenz, Kontext in dem es auftritt usw.).

Die Ericksonsche Hypnotherapie lässt sich durch folgende anthropologische Grundannahmen charakterisieren:
1. Positives Menschenbild;
2. Einzigartigkeit des Klienten und seines Problems;
3. Veränderungsoptimismus;
4. Das Unbewusste als (Hilfs-) Quelle (Ressource);
5. Natürlichkeit der Tranceerfahrung.

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Menschenbild

Das Menschenbild der Hypnotherapie

Diese Posts wie auch schon die vorhergehenden sind wesentlich bestimmt - zum großen Teil sogar wörtlich zitiert - aus einer Veröffentlichung meines verehrten Lehrers, Professor Dr. Dirk Revenstorf, Diplompsychologe, Universität Tübingen, siehe http://www.meg-hypnose.de

Dienstag, 21. Oktober 2008

Hypnotherapie 19

Neodissoziationstheorie 2

Das getrennte Nebeneinander unterschiedlicher, eigenständiger bewusster Zustände wird durch den "heimlichen Beobachter" (hidden observer) bei Schmerz Experimenten nachzuweisen versucht. Durch ein verabredetes Zeichen (Hand auf die Schulter legen) wird während der Hypnose ein Schmerzbericht von einer suggerierten Instanz abgerufen, die die Empfindung in gewohnter Stärke wahrnimmt. Dadurch war es möglich, neben dem verdeckten Bericht einer hypnotischen Analgesie die volle subjektive Schmerzstärke, etwa beim Eiswassertest, zu ermitteln.

Ungeachtet dessen, ob solche Experimente verallgemeinerbar sind, scheint die Annahme einer hierarchischen Struktur von (in sich relativ selbständiger Kontrollmechanismen) innerhalb des Bewusstseins, aber auch des Körpers, durchaus sinnvoll. Immerhin ist bekannt, dass sowohl das autonome Nervensystem als auch das endokrine System und das Immunsystem eine relative Autonomie aufweisen, obwohl sie koordiniert agieren und aufeinander einwirken. Auch im bewussten Bereich ist das Phänomen bekannt, dass nebeneinander unterschiedliche Einstellungen und Werthaltungen existieren können, sozusagen Biedermann und Brandstifter, Lebensretter und Lebensvernichter; dass diese jedoch möglichst getrennt gehalten werden. Einige solcher Steuerungsmechanismen sind auf bewusster Ebene etwa die emotionale und die rationale Orientierung, das Gedächtnis für Vorgehen, Erlebnisse und Sätze, das kreative Denken, die Werthaltungen und die Logik.

Es scheint eine Exekutivkontrolle zu geben, die ganz oben in der Hierarchie angesiedelt ist und unter Hypnose ihren Einfluss zurück nimmt. Unter dieser Bedingung sind dann offensichtlich Vorgehensweisen wieder ansprechbar, die zum Beispiel nach organischem Hirnschaden bewusst nicht zugänglich waren (Bewegungsprogramme). Auch sind Details aus früher erlebten Episoden wieder zugänglich, sind kreative Lösungen möglich, sind autonome Reaktionen beeinflussbar (Pulsrate, Blutdruck) und solche des endokrinen Systems und des Immunsystems (Veränderung der Beweglichkeit der weißen Blutkörperchen). Dass die Schmerzbewältigung ein solch autonomer Regulationsmechanismus ist, steht außer Frage. Es lässt sich nachweisen, dass die hypnotische Schmerzlosigkeit weder mit Angstreduktion noch durch Entspannungsreaktionen, weder durch Placeboeffekte noch durch die Empfänglichkeit für schmerzstillende Arzneien, noch durch bewusste Bewältigungsmechanismen erklärbar ist.

Das Konzept der hierarchischen Regulationssysteme beinhaltet, dass die Kontrolle der Ausführung unterlaufen werden kann. In diesem Zustand sind einzelne Steuerungsmechanismen direkter ansprechbar.

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Sonntag, 19. Oktober 2008

Hypnotherapie 18


Neodissoziationstheorie 1


Mit Modellvorstellungen, wie die über den subliminalen (unterschwelligen) und supraliminalen (überschwelligen) Informationsfluss kann Wahrnehmung und Reaktivierung von Gedächtnisinhalten unter Umgehung des Bewusstseins beschrieben werden. Es bleibt jedoch erklärungsbedürftig, wie es durch Hypnose gelingt, manche eingrenzenden Denk- und Verhaltensmuster zu überwinden, während dies in der rationalen Argumentation nicht oder nicht so leicht möglich ist.

Dieser Umstand macht es ja auch sinnvoll, Wert auf Amnesie für die bearbeiteten Inhalte zu legen.

Erklärung oder Einsicht sind dann nur bedingt ein notwendiger Bestandteil wirksamer Psychotherapie. Mit der Neodissoziationstheorie wird dafür eine Erklärung gegeben. Sie knüpft dabei an Dissoziationen als Abspaltung Krankheit erzeugender Inhalte an. Andere Forscher halten eine solche Abspaltung für ein ganz normales Phänomen, das keiner besonderen Theorie bedarf.
Eine solche Form der Dissoziation ist die Amnesie (Vergessen), die vielleicht etwas mit Verdrängung zu tun hat. Suggeriert man beispielsweise unter Hypnose, die Hälfte aller gelernten Worte einer Liste zu vergessen, so fallen hauptsächlich die emotional belasteten unter die Amnesie.


Die Tatsache, dass ein solches Dissoziationsphänomen, ähnlich wie die Abspaltung körperlicher Empfindungen (etwa Schmerz) unter Hypnose besser als im Wachbewusstsein gelingt - ebenso wie die Integration vieler Persönlichkeiten im Bewusstsein einer Person - wird mit einem bestimmten Kontrollmechanismus erklärt. Unter Hypnose wird nach der Auffassung verschiedener Forscher diese oberste Kontrollinstanz zurückgedrängt und die einzelnen Subsysteme können größere Eigenständigkeit entfalten.

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